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Fischerei

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Die Fischerei ist von großer Bedeutung für die Ernährungssicherheit und den Lebensunterhalt hunderter Millionen Menschen weltweit. Insbesondere für die Küstenkommunen in Entwicklungsländern ist die Fischerei unerlässlich um Hunger und Armut zu bekämpfen. Die Welternährungsorganisation schätzt, dass etwa 10% der Weltbevölkerung direkt oder indirekt ökonomisch abhängig sind von der Fischereiwirtschaft. Ein Großteil von ihnen lebt in Asien. Die Fischereiwirtschaft schafft Arbeitsplätze auf den Booten, in der Verarbeitung und im Handel. Allein 59,6 Millionen Menschen waren 2016 als Fischer*innen und Fischfarmer*innen im Sektor beschäftigt.
Fisch und Meeresfrüchte tragen wesentlich zur Versorgung mit Nahrungsmitteln bei. Mehr als 3 Milliarden Menschen deckten 2015 mindestens 20 Prozent ihres tierischen Eiweißbedarfs durch Fische und Meeresfrüchte. In den am wenigsten entwickelten Ländern [Least Developed Countries | LDCs] lag der Durchschnitt bei 26 Prozent. In vielen Entwicklungsländern mit Zugang zum Meer liegt dieser Anteil noch höher. In Bangladesch, Kambodscha, Gambia, Ghana, Indonesien, Sierra Leone, Sri Lanka und manchen SIDS liefert die Fischerei mehr als die Hälfte der tierischen Proteine. Weltweit nimmt der Fischkonsum trotz aller Probleme immer weiter zu: für das Jahr 2016 errechnete die Welternährungsorganisation einen weltweiten Fischverzehr von rund 151 Millionen Tonnen. Mit 20,3 kg Fischereiprodukten pro Kopf und Jahr hat sich der Fischkonsum damit bis 2016 in den letzten gut 50 Jahren mehr als verdoppelt.

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Der Handel mit Fisch und Meeresfrüchten ist nach Erdöl und -gas der zweitwichtigste Exportsektor der Entwicklungsländer. 35% der globalen Fischproduktion in einem Wert von 143 Mrd. USD kamen 2016 auf den internationalen Markt. Der Handelserlös der Entwicklungsländer aus der Fischerei ist höher als die Gewinne aus dem Verkauf von Tee, Kaffee, Soja, Fleisch und Bananen. Europa ist einer der wichtigsten Märkte für Fisch und die europäischen Unternehmen verschaffen sich durch Import, aber auch den Kauf von Fanglizenzen in fremden Gewässern und illegale Fischerei Zugang zu den Fanggebieten weltweit. Die eigenen Gewässer sind überfischt, die vorhandenen Fangkapazitäten sind viel zu hoch für eine nachhaltige Nutzung der Fischbestände und konkurrierende Nutzungsinteressen verkleinern die Fanggebiete kontinuierlich.
Von den 171 Mio. Tonnen an Fisch und Meeresfrüchten, die 2016 gefangen und produziert wurden, stammten 90,9 Millionen Tonnen Fisch aus den Meeren und Binnengewässern. Dazu kamen noch etwa 80 Millionen Tonnen aus der Mari- und Aquakultur. Jenseits der offiziellen Statistiken, die die Welternährungsorganisation in ihrem Bericht The State of World Fisheries and Aquaculture 2018 erstellt hat, werden 12 bis 30 Millionen Tonnen Fisch und Meereslebewesen illegal aus den Ozeanen gefischt und eine noch einmal etwa gleich große Menge an Meerestieren als Beifang aus dem Meer geholt. Auch die Subsistenz- und Freizeitfischerei werden selten erfasst. Nicht zuletzt bleiben die Verluste verborgen, die durch den Sauerstoffmangel im Meer entstehen, die die destruktiven Fangpraktiken am Meeresboden nach sich ziehen oder die  durch Bebauung der Küstenregionen und die Zerstörung der marinen Ökosysteme langfristig verursacht werden.

INFOS

Unser Engagement

    FAO-Bericht: Überfischung der Weltmeere nimmt weiter zu und beschleunigt sich
    https://www.epo.de/index.php?option=com_content&view=article&id=14768:fao-bericht-ueberfischung-der-weltmeere-nimmt-weiter-zu-und-beschleunigt-sich&catid=91&Itemid=159

    Weiterführendes

    FAO The State of World Fisheries and Aquaculture 2018
    http://www.fao.org/state-of-fisheries-aquaculture/en/

    FAO Fisheries and Aquaculture Department
    http://www.fao.org/fishery/en/

    FAO The State of World Fisheries and Aquaculture (SOFIA)
    http://www.fao.org/publications/sofia/en/

    FAO Regional management organizations or arrangements (RFMO/As)
    http://www.fao.org/fishery/topic/166304/en/

    Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE)
    https://www.ble.de/DE/Themen/Fischerei/fischerei_node.html

    Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL)
    https://www.bmel.de/DE/Wald-Fischerei/05_Fischerei/fischereipolitik_node.html

    Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) – Internationale Fischerei
    https://www.bmel.de/DE/Wald-Fischerei/05_Fischerei/Internationale-Fischerei/Internationale-Fischerei_node.html

    Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) – Fischgründe bewahren
    http://www.bmz.de/de/themen/ernaehrung/fischgruende/index.html

    Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) – Fischerei und Aquakultur
    https://www.giz.de/fachexpertise/html/3195.html

    Slow Food Deutschland
    https://www.slowfood.de/slow_themen/fischerei

    Sea around us
    http://www.seaaroundus.org/

    FishBase
    https://www.fishbase.de/

    Europäische Kommision – Fischerei
    https://ec.europa.eu/fisheries/home_de

    Europäische Kommision – Fischfang in internationalen Gewässern
    https://ec.europa.eu/fisheries/cfp/international_de

    Europäische Kommision – Die Gemeinsame Fischereipolitik (GFP)
    https://ec.europa.eu/fisheries/cfp_de

    Europäische Kommision – Bilaterale Abkommen mit Ländern außerhalb der EU
    https://ec.europa.eu/fisheries/cfp/international/agreements_de

    Johann Heinrich von Thünen-Institut
    https://www.thuenen.de/de/thema/fischerei/

    WorldFish
    https://www.worldfishcenter.org/

    Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD)
    http://www.oecd.org/tad/fisheries/

    world ocean review
    https://worldoceanreview.com/wor-2/

    Environmental Justice Foundation (EJF)
    https://ejfoundation.org/what-we-do/oceans/combating-seafood-slavery

    The Pacific Islands Forum Fisheries Agency (FFA)
    https://www.ffa.int/

    WWF – Das Fish Forward Projekt 2018-2020
    https://www.fishforward.eu/de/das-projekt/

    Fischerei in Deutschland
    https://www.portal-fischerei.de

    The World Bank Group – Oceans
    http://www.worldbank.org/en/topic/environment/brief/oceans

    International Transport Workers‘ Federation (ITF)
    http://www.itfglobal.org/en/transport-sectors/fisheries/

    Deutscher Fischerei-Verband e.V.
    https://www.deutscher-fischerei-verband.de/

    Bundesverband der deutschen Fischindustrie und des Fischgroßhandels e.V.
    https://www.fischverband.de/index.html

    Fisch-Informationszentrum e. V.
    https://www.fischinfo.de/

    FischMagazin
    http://www.fischmagazin.de/willkommen.htm

    Aquaculture Stewardship Council (ASC)
    https://www.asc-aqua.org/de/

    Bundesverband Aquakultur e.V.
    https://www.bundesverband-aquakultur.de/technologien

    Aquakulturinfo
    http://www.aquakulturinfo.de/index.php/STARTSEITE.html

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    Überfischung

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    Die Überfischung der Weltmeere stellt eine große und vielfältige Bedrohung der Meeresumwelt dar. Mehr als ein Drittel der Fischbestände gelten als überfischt, etwa zwei Drittel als maximal befischt und nur noch 7% haben das Potential stärker befischt zu werden. Die Situation in den europäischen Gewässern ist noch dramatischer. Die Industrialisierung des Fischfangs  hat dazu geführt, dass die Fischerei ihre eigene Existenz untergräbt. Immer weiter werden unseren Ozeanen und Meeren mehr Meereslebewesen entnommen, als auf natürliche Weise nachwachsen können. Auch in Europa werden die wissenschaftlich ermittelten maximalen Fangquoten überschritten. Es mangelt an politischem Willen und dementsprechend an geeigneten Kontrollinstrumenten. Die Fischbestände werden übernutzt und zu viele hochgerüstete Fischtrawler jagen den letzten ergiebigen Fischschwärmen nach. Hinzu kommt, dass die Überfischung nur eine von vielen Belastungen der Meereswelt ist und sich auch alle anderen, wie der Plastikmüll, der Klimawandel oder die Lärmverschmutzung negativ auf die Fischbestände auswirken.

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    Mittlerweile werden die Meeresböden der Schelfgebiete, die von den ökologischen Bedingungen her die ertragreichsten Fischgründe darstellen, durchschnittlich zweimal jährlich durch die Fischerei am Grund umgepflügt. In der Nordsee geschieht dies im Durchschnitt zwanzigmal im Jahr. Die Tiefseefischerei bringt als kurzfristigen Ersatz für die überfischten Bestände nahe der Meeresoberfläche Arten auf den Tisch, die aufgrund ihrer niedrigen Fortpflanzungsrate noch schneller zum Zusammenbruch gebracht werden können. Zudem zerstört die Tiefseefischerei sobald sie den Meeresboden erreicht auch dort die Bodenlebewesen. 2006 kamen bei wachsender Tendenz 13 Prozent der Fänge von der Hohen See und davon stammten etwa ein Drittel aus der Tiefsee. Grundschleppnetze werden bis in 2000 Meter Tiefe ausgebracht.

    Die verbindliche Einführung selektiver Fangtechniken sollte ein übergreifendes Ziel der Fischereipolitik sein. Die drastische Reduzierung der Beifänge von jeglicher Art von Meeresbewohnern ist ein zentraler Schritt dahin. Ein sinnvolles Element sind hierbei Vorschriften zur Maschengröße der Netze, die dafür Sorge tragen, dass nur noch bereits geschlechtsreife Fische gefangen werden. Um eine generelle Dynamik zur Entwicklung selektiver Fangtechniken voranzutreiben, sollten alle Beifänge bis 2030 auf vergebene Quoten angerechnet werden. Dennoch entstehende Beifänge sollten in konsumierbarer Form angelandet werden müssen, wovon überlebensfähige Organismen ausgenommen werden sollten. Zu Fischmehl und -öl sollte der Beifang nur dann verarbeitet werden dürfen, wenn er für den menschlichen Konsum nicht geeignet ist. Der Zugang zu selektiven Fangmethoden muss sowohl der handwerklichen Fischerei als auch den Ländern des globalen Südens ermöglicht werden. Ergänzend sind destruktive Fischereimethoden wie das Finning bis 2020 grundsätzlich zu verbieten. Dazu zählt auch, dass das Walfang-Moratorium zu einem dauerhaften Verbot ausgebaut werden muss und Lücken in den Vereinbarungen der „International Convention for the Regulation of Whaling“ geschlossen werden sollten.

    Die Aqua- und Marikultur stellen mittlerweile annähernd 50% der Konsumfische. Ganze Flotten gehen speziell für die Fischmehlproduktion auf Fangfahrt und reduzieren dabei den Bestand der so genannten Futterfische, womit sie weitreichend in die marinen Nahrungsnetze eingreifen und zunehmend für die Ernährungssicherheit im globalen Süden wichtige Fanggebiete gefährden. Der gezielte Fang von Fischen und Meeresfrüchten für die Herstellung von Fischmehl und -öl ist darum zu verbieten. Zudem verwenden die Aqua- und Marikultur verstärkt Produktionsverfahren der industriellen Massentierhaltung, die unter anderem gekennzeichnet sind durch den Einsatz von Antibiotika, (gentechnischer) Zuchtprogramme und die Zerstörung der betroffenen Küstenökosysteme. Hinzu kommen Konflikte um die lokale Landnutzung, die Gefährdung des Küstenschutzes sowie ungeschützte und schlecht abgesicherte Arbeitsverhältnisse bis hin zur Sklaverei. Eine spezifische Gesetzgebung mit geeigneten Vorgaben für die arbeitsrechtlichen Verhältnisse in Aqua- und Marikultur und deren umweltpolitische Auswirkungen muss dringend erlassen werden.

    Zusätzlich zur Übernutzung der Fischbestände und zu den destruktiven Fangmethoden erhöht die illegale Fischerei den Druck auf die Fischbestände und verschärft die Überfischung. In bestimmten Regionen wie vor Westafrika ist der Anteil der illegalen Fischerei an der Fischerei erheblich.

    INFOS

    Unser Engagement

    https://www.weser-kurier.de/deutschland-welt/deutschland-welt-wirtschaft_artikel,-fischbestaende-in-grosser-gefahr-_arid,1762603.html

    Fish Dependence Day 2016
    Berlin, 02.05.2016

    Überfischung und illegaler Fang bedrohen Fischbestände weltweit

    Ab dem 2. Mai ist der Verzehr von Fisch in Deutschland in diesem Jahr rein rechnerisch nur noch mit Hilfe von Importen möglich. Der Jahresfang der deutschen Flotten ist ab diesem „Fish Dependence Day“ aufgebraucht. Dieser Tag wird jährlich von der britischen New Economics Foundation ermittelt. Importierter Fisch kommt zu einem erheblichen Teil aus überfischten Fanggründen und trägt ferner das Risiko, aus illegaler, nicht gemeldeter und nicht regulierter Fischerei (IUU Fischerei) zu stammen. Darauf weisen Brot für die Welt, Fair Oceans, Slow Food Deutschland und die Environmental Justice Foundation hin.Insgesamt ist die Abhängigkeit von Einfuhren bei Fisch und Meeresfrüchten nach Deutschland gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgegangen. Im vergangenen Jahr war der „Fish Dependence Day“ bereits am 6. April erreicht. Grund dafür ist weniger eine größere Nachhaltigkeit des Fischereimanagements, wie sie seit Jahren von vielen Nichtregierungsorganisationen gefordert wird. Vielmehr hat sich der Pro-Kopf-Verbrauch von Fisch und Meeresfrüchten in Deutschland in den letzten Jahren von 14,7 Kilogramm (2012) auf 13,5 Kilogramm (2013) verringert.

    Längst schon können auch die EU-Mitgliedstaaten ihren Bedarf an Fisch und Fischereiprodukten nicht mehr durch ihre eigene Fischerei decken. Jahrzehntelange Überfischung und Subventionierung der industriellen Fischerei haben die europäischen Fischbestände drastisch reduziert. „Die von der EU mit der Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik von 2014 ergriffenen Maßnahmen gegen die Überfischung, wie das Rückwurfverbot, sind nicht darauf ausgerichtet, die illegale Fischerei einzudämmen. Nur im Zusammenspiel mit der EU-Verordnung zur Verhinderung, Bekämpfung und Unterbindung der illegalen, nicht gemeldeten und unregulierten Fischerei (IUU-Verordnung) kann letztlich eine nachhaltige Fischereipolitik gelingen“, so Kai Kaschinski von Fair Oceans.

    Eine kritische Bestandsaufnahme von gemeinsamer Fischereipolitik und IUU-Verordnung ist mittlerweile überfällig. „Das muss auch für die Verbraucher sichtbar werden. Deshalb müssen Industrie und Handel zu Transparenz bei Fischprodukten verpflichtet werden. Anders ist eine höhere Wertschätzung von Fisch als sehr kostbarem Lebensmittel nicht durchzusetzen“, mahnt Ursula Hudson von Slow Food Deutschland an.

    Illegale Fischerei gefährdet die Fischbestände weltweit. Das trifft besonders die, für die Fisch oft die wichtigste Eiweißquelle ist: die Küstenbevölkerung in Entwicklungsländern. Francisco Marí, Referent Welternährung, Agrarhandel und Meerespolitik bei Brot für die Welt, sagt: „Die EU und allen voran Deutschland muss sicherstellen, dass importierter Fisch legal und nachhaltig gefangen wurde. Unser Fischkonsum darf nicht zulasten der Menschen in Entwicklungsländern gehen.“

    „IUU-Fischerei kostet die Weltgemeinschaft jährlich zwischen neun und 22 Milliarden Euro. In manchen Entwicklungsländern wird davon ausgegangen, dass bis zu 40 Prozent des gesamten Fischfangs illegal getätigt werden. Deutschland als einer der wichtigsten Märkte für Fischereiprodukte in der EU muss bei der Bekämpfung der IUU-Fischerei eine Vorreiterrolle übernehmen“, so Steve Trent, Geschäftsführer der EJF.
    Quelle: Gemeinsame Pressemitteilung von Brot für die Welt, Fair Oceans, Slow Food Deutschland und der Environmental Justice Foundation

    https://www.slowfood.de/aktuelles/2016/fish_dependence_day_2016_ergebnisse_fachgespraech/

    Weiterführendes

    BUND
    https://www.bund.net/meere/belastungen/fischerei/

    NABU
    https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/meere/fischerei/index.html

    WWF
    https://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/fischerei/

    Fish Forward Projekt (WWF)
    https://www.fishforward.eu/de/project/ueberfischung-eine-tatsache-in-zahlen/

    Our Fish
    https://our.fish/

    DiscardLess
    http://www.discardless.eu/

    Greenpeace
    https://www.greenpeace.de/themen/meere/ueberfischung
    https://www.greenpeace.de/themen/meere/fischerei
    https://www.greenpeace.de/fischereimonster

    The Food and Agriculture Organization (FAO)
    http://www.fao.org/fishery/sofia/en

    The International Council for the Exploration of the Sea (ICES)
    http://www.ices.dk/explore-us/who-we-are/Pages/Who-we-are.aspx

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    Ocean Grabbing

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    Politik und Industrie haben in den Industrieländern mit hohen Subventionen jahrelang den Aufbau industrieller Fangflotten gefördert. Das Ergebnis ist bekannt. Die Meere Europas und anderer Industrieländer sind überfischt. Deutschland landet nur noch etwa 13% des Fisches und der Meeresfrüchte, die hier verarbeitet werden, mit Fangschiffen unter eigener Flagge an. Auch Entwicklungsländer wie die Philippinen, Peru, Ghana, Marokko, Argentinien und die VR China haben zwischenzeitlich auf die industrielle Fischerei gesetzt. Eine Konsequenz der Überfischung und zunehmenden Verknappung der ergiebigen Fischbestände in den eigenen Gewässern war es, Fernfangflotten aufzubauen und für diese Lizenzen in fremden Gewässern zu erwerben, den Handel auszuweiten und vielfältige Methoden zu entwickeln, um irgendwie an den zunehmend kostspieligeren Fisch zu kommen.

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    Diese globale Umverteilung des Fisches gefährdet an vielen Küsten die Existenzgrundlagen der Menschen und verdrängt die traditionelle Kleinfischerei, insbesondere in den Entwicklungsländern. Da die Überfischung in allen Meeren zum Problem geworden ist, stehen industrielle und handwerkliche Fischerei heute überall in Konkurrenz um die letzten lukrativen Fischgründe. Spanische, koreanische, russische, chinesische, aber auch die verbliebenen deutschen oder holländischen „Monsterschiffe“ von an die 100 Meter Schiffslänge und mehr jagen auf den Weltmeeren den Fischschwärmen hinterher. Immer öfter stoßen die großen Schiffe dabei legal oder illegal in die Küstengewässer des globalen Südens vor und nehmen den Kleinfischern ihren Fang. Fabrikschiffe mit vollständigen Produktionsstrecken an Bord fangen, verarbeiten und frosten Fisch in Mengen für die ganze Flotten von Kleinfischern benötigt werden. Es mangelt der Kleinfischerei an ausreichenden Finanzmitteln, um im Bieterwettbewerb um Fanglizenzen oder bei der Modernisierung von Fanggeräten, -technik und -schiffen mithalten zu können.

    Es sind aber nicht nur die großen Fischtrawler, die der Kleinfischerei die Ozeane und Meere streitig machen. Die Bebauung der Küsten durch Tourismuszentren, Hafenanlagen und  Siedlungen, die Errichtung von Offshore-Plattformen zur Öl-, Gas- und Windproduktion, Schifffahrtswege sowie der Abbau von mineralischen Ressourcen am Meeresboden, einschließlich der Planungen zum Tiefseebergbau, erheben konkurrierende Ansprüche auf die gleichen Küsten- und Meeresgebiete. In der 3,14 Millionen Quadratkilometer großen Wirtschaftszone Indiens sind allein 1,06 Mio. Quadratkilometer für die Erdöl- und Erdgasförderung vergeben. Entlang der Westküste Afrikas haben die Staaten ihre Wirtschaftszonen in eine Unzahl von einzelnen Claims aufgeteilt. Auch hier sind die Erdöl- und Erdgasindustrie die Hauptakteure. Die brasilianische „HRT Oil&Gas“ hält seit 2011 vor Namibia die Rechte für 12 Claims mit einer Fläche von insgesamt 68.800 Quadratkilometern. Die multinationale „Tullow Oil plc“ hat mit Mauretanien zwischen 2001 und 2012 9 Lizenzverträge für rund 42.000 Quadratkilometer abgeschlossen. Rund 1 Mrd. US-Dollar werden weltweit pro Tag in die Exploration und Förderung von Energieressourcen auf See gesteckt. Die maritime Raumplanung engt so die für die Kleinfischerei verbleibenden Fanggründe mehr und mehr ein.

    Diese großflächige Übernahme von Meeresgebieten durch den Erwerb von Lizenzen durch die industrielle Fischerei und die sich kontinuierlich ausweitenden, mit der Fischerei konkurrierenden Nutzungsinteressen, stellen traditionelle Fangrechte von Küstengemeinden in Frage. Die Kleinfischerei wird mehr und mehr ihrer Fanggründe und Zugänge zum Meer enteignet. Zuvor gemeinschaftlich genutzte Meeresgebiete werden heute im Kontext der Strategien zum Blauen Wachstum privatisiert. In Anlehnung an den Begriff Land Grabbing hat 2012 Olivier De Schutter, der UN-Berichterstatter für das Recht auf Nahrung, für diese Entwicklung den Begriff Ocean Grabbing geprägt. Die Erschließung der Meere mit ihren Konflikten um Grenzen, Nutzungsrechte und Flächenansprüche gleicht in ihrem Charakter einer Landnahme. Das Meer wird längerfristig und im großen Stil in Besitz genommen. Olivier De Schutter stellte dazu fest: „‘Ocean-grabbing’ – in the shape of shady access agreements that harm small-scale fishers, unreported catch, incursions into protected waters, and the diversion of resources away from local populations – can be as serious a threat as ‘land-grabbing’“.

    INFOS
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    Kleinfischerei

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    Etwa die Hälfte der jährlich im offenen Meer gefangenen rund 80 Millionen Tonnen Fisch werden von den etwa 3.000 großen Fangschiffen der industriellen Fischerei gefangen. Die andere Hälfte sowie der überwiegende Teil der Fänge aus Flüssen und Seen werden allerdings nach wie vor von der handwerklichen Fischerei eingebracht. Diese Fänge werden oft regional vermarktet und verarbeitet. Damit trägt die Kleinfischerei wesentlich zur Ernährungssicherheit in den Küstenregionen bei, in denen mittlerweile mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt. Handwerkliche Fischerei ist somit ein wichtiges Element bei der Sicherung des Rechts auf Nahrung und der Bekämpfung von Mangelernährung im globalen Süden. Wird ausdrücklich die Subsistenzfischerei in den Entwicklungsländern einbezogen, so wächst die Bedeutung der kleinen Fischerei und ihr Anteil an der Ernährungssicherheit noch einmal. Die Subsistenzfischerei kann der alltäglichen Versorgung von Haushalten dienen oder auch eine Sicherung der Versorgung in Krisenzeiten gewährleisten. Der Zugang zum Meer und intakte Fischbestände sind für die auf die natürlichen Meeresressourcen angewiesenen, ärmeren Küstengemeinden existenziell.

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    Des Weiteren liegen die Beschäftigungseffekte der Kleinfischerei trotz geringerer staatlicher Subventionen eindeutig über denen des industriellen Bereichs. So trägt die Kleinfischerei mit ihren starken Beschäftigungseffekten auch erheblich zur Armutsbekämpfung in den Küstengemeinden bei. Etwa die Hälfte aller Beschäftigten in der Fischereiwirtschaft sind Frauen; überwiegend im Handel und in der Verarbeitung. Auch die Umweltbilanz der Kleinfischerei ist in verschiedener Hinsicht besser als die der großen Trawler. Die Fangtechniken der Kleinfischerei sind in der Regel ökologisch weniger problematisch als die der industriellen Fischerei. Die Beifangraten und der Kraftstoffverbrauch sind niedriger als bei den Trawlern. Jedoch nicht nur mit Blick auf die Ernährungssicherheit, die Armutsbekämpfung und den Meeresschutz ist ein Erhalt der handwerklichen Fischerei und ihre Förderung sinnvoll. Die Kleinfischerei ist jenseits der Fischereiwirtschaft im engeren Sinne Teil der Kultur und sozialen und ökonomischen Gesellschaftsstrukturen vieler Küstenregionen.

    Aus umwelt- und entwicklungspolitischer Sicht  muss der lokalen, handwerklichen Fischerei deshalb Vorrang vor der industriellen Fischerei gewährt werden. Ein wichtiger Schritt hierhin wäre die Einrichtung von exklusiv der handwerklichen Fischerei vorbehaltenen Zonen von mindestens 12 Seemeilen in allen AWZs. Die Grenzen solcher Vorrangzonen und deren Bewirtschaftungsregeln müssten auf regionaler Ebene partizipatorisch und transparent abgestimmt werden. Die Richtlinien der Welternährungsorganisation [Food and Agriculture Organization |FAO] zum Schutz der Kleinfischerei, die unter anderem auf starken Druck der international aktiven Verbände der Kleinfischerei hin verabschiedet wurden, unterstreichen die Bedeutung der Kleinfischerei und unterstützen deren vorrangige Behandlung. In der jetzigen Umsetzungsphase der Richtlinie muss sich allerdings erst zeigen inwiefern die nun zur Verfügung stehenden Mittel tatsächlich der Kleinfischerei zugutekommen und die Staaten Gesetze und Verordnungen erlassen, die die Kleinfischerei durch die Errichtung von Vorrangzonen oder andere Maßnahmen effektiv schützen.

    INFOS

    Unser Engagement

      Weiterführendes

      FAO Fisheries and Aquaculture Department
      http://www.fao.org/fishery/ssf/en

      Coalition for Fair Fisheries Arrangements (CFFA)
      https://cape-cffa.squarespace.com/

      African Confederation of Artisanal Fishing Organizations (Caopa)
      http://www.caopa-africa.org/en/

      World Forum of Fisher Peoples (WFFP)
      http://worldfishers.org/

      International Collective in Support of Fishworkers (ICSF)
      https://www.icsf.net/

      Swedish Society for Nature Conservation (SSNC)
      https://m.naturskyddsforeningen.se/vad-vi-gor/hav

      Environmental Justice Foundation (EJF)
      https://ejfoundation.org/what-we-do/oceans/ghana

      World Forum of Fish Harvesters & Fish Workers (WFF)
      http://worldfisherforum.org/

      The International Collective in Support of Fishworkers (ICSF)
      https://www.icsf.net/en/samudra.html

      Masifundise Development Trust
      http://masifundise.org/

      Slow Fish
      https://www.slowfood.com/slowfish/welcome_de.lasso.html

      Fischerleben
      http://www.fischerleben-schleswig-holstein.de/startseite/

      Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer GmbH
      http://www.ezdk.de/

      EO-Ems – Die Seite für die Fischerei
      http://eo-ems.de/index1.htm

      Kutterfisch-Zentrale GmbH
      http://cuxhaven.kutterfisch.de/

      The Low Impact Fishers of Europe
      http://lifeplatform.eu/