Meerespolitik

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Als Schlüssel zur Welt sind die Meere politisch umstrittenes Terrain. Ihre Geschichte ist die Geschichte der internationalen Politik und des Nord-Süd-Verhältnisses. Die Ozeane markierten für eine lange Zeit die Grenzen unserer Welt, sie trennten die Kontinente voneinander bevor sie später dann zur wichtigsten Verbindung zwischen ihnen wurden. Über sie kamen die Kolonisatoren. Entdeckungsreisende suchten auf dem Seeweg die unerforschten Regionen der Erde zu finden, sie zu vermessen und einzunehmen. Handelsgesellschaften versprachen Gewinne durch die Eröffnung neuer Routen und Umschlagplätze, über welche die Reichtümer des globalen Südens in den Norden verschifft werden konnten. Walfänger durchstreiften auf der Suche nach Tran, Ambra und Fischbein noch die unwirtlichsten Plätze der Weltmeere. Über den Atlantik spannte sich das Dreieck, das Menschen im Süden zu Sklaven und Menschen im Norden zu Sklavenhaltern machte.

Seemacht
Heute sind die Schifffahrtswege der Weltmeere mit ihren Containerriesen und Tankern die Schlagadern des globalen Warenverkehrs. Globalisierung ist ohne den Seeverkehr, der über 90 Prozent der Waren weltweit transportiert, nicht zu denken. Der Zugang zu Häfen und Schiffsrouten ist bis heute die Voraussetzung für die Teilnahme am globalen Handel. Während sich der Grad der Globalisierung und internationalen Interdependenz beständig erhöht, kommt es zugleich zu einer Zonierung der Weltgesellschaft. Es bilden sich Zentren und Peripherien. Der Grad der Integration in das Netzwerk des internationalen Warenverkehrs über See, entscheidet über die Entwicklungschancen in Zeiten der Globalisierung. Die Kontrolle der Seewege ist ein geopolitischer Machtfaktor. In der Konsequenz muss die Meerespolitik von der internationalen Ebene ausgehend gedacht werden und darf nicht als eine simple Erweiterung nationaler Politiken betrachtet werden. Ein solches Herangehen wird dem spezifischen Moment der Weltmeere nicht gerecht und genügt darüber hinaus nicht um effektive Ordnungsmechanismen für diese zu gestalten.

Maritime Geschichte
Flotten führten bei Salamis, Lepanto, Trafalgar, am Skagerrrak und bei den Midway-Inseln Schlachten um die Vorherrschaft zu See. In der Antike war es das Mittelmeer, das die Römer nicht umsonst ihr „mare nostrum“ nannten, dessen Kontrolle über Aufstieg und Fall in Europa und Nordafrika entschied. Für die Hanse waren es später ihre Flotten auf Nord- und Ostsee, die ihren Erfolg begründeten. Keine Weltmacht hatte lange ohne eine entsprechende Macht zu See Bestand. Erst mit dem Untergang der Armada konnte der Aufstieg der neuen Kolonialmächte beginnen und der dann im 19. Jahrhundert so berühmte Satz „Britannia rules the waves“ zu seiner Bedeutung gelangen. Wer die Welt beherrschen wollte, brauchte das Meer. Dementsprechend naheliegend war es, dass Kaiser Wilhelm I. seinen Traum vom „Platz an der Sonne“ und deutschen Kolonien in Übersee durch ein Flottenprogramm verwirklichen wollte, das Großbritanniens Vormachtstellung auf den Weltmeeren in Frage stellen sollte. Auch die ungewöhnliche Geschichte Japans, aus dem in kurzer Zeit statt einer Kolonie eine Regionalmacht in Südostasien wurde, begründet sich nicht unwesentlich auf dessen Seemacht. In der Seeschlacht bei Tsushima siegte die japanische Flotte 1905 über ein russisches Geschwader und entschied so den „Russisch-Japanischen Krieg“, der Japans politische Position festigte und seine Unabhängigkeit wahrte. In Russland hingegen trug die Niederlage zum Ausbruch der „Russischen Revolution“ von 1905 bei. Die Seemacht Japans und eine andere Perspektive auf die Geschichte des Kriegsverlaufs führten dazu, dass viele Menschen in Südostasien den Zweiten Weltkrieg, der aus europäischer Sicht vor allem ein Krieg zu Land war, auch heute noch als den „Pazifischen Krieg“ bezeichnen. Wird ein Blick auf die Überbleibsel der Kolonialzeit geworfen, so fällt neben vielem Anderen auf, dass die meisten der Kolonialgebiete, die europäische Staaten wie Frankreich und Großbritannien nicht oder erst sehr spät in die Unabhängigkeit entlassen haben, scheinbar unbedeutende Inseln an den unterschiedlichsten Punkten der Erde sind. Ihre Bedeutung erschließt sich vor allem in Hinsicht auf ihre geostrategische Lage für See- und Luftflotten und die Verfügung über die Ressourcen ihrer Ausschließlichen Wirtschaftszonen. Die Kontrolle dieser Gebiete eröffnet also weit mehr als den „Platz an der Sonne“ an einem tropischen Strand. Nicht umsonst war einer der wenigen Seekriege, die zwischen Staaten des globalen Nordens und Südens geführt wurden, der 1982 entbrannte „Falkland-Krieg“ um die gleichnamigen Inseln in Südatlantik, die eine Schlüsselposition auf der Südhalbkugel einnehmen und große Ölvorkommen vor ihrer Küste haben. Im Moment stellt das Südchinesische Meer den brisantesten Konfliktherd auf See dar. Die Zusammensetzung der am Konflikt Beteiligten hat in der heutigen Zeit allerdings einen anderen Charakter. China als aufsteigende Macht steht hier gegen die anderen Anrainerstaaten des Meeresgebietes und die USA. Durch das Südchinesische Meer führt einer der wichtigsten Seewege, es gibt erhebliche Erdöl- und Erdgaslagerstätten sowie lohnenswerte Fischbestände.

Meeresschätze
Die ökonomischen und politischen Machtverhältnisse haben sich seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem Aufstieg der großen Staaten des globalen Südens wesentlich verändert. Damit einher geht eine Ausweitung des Verbrauchs von natürlichen Ressourcen und eine Intensivierung des Zugriffs auf Natur. Rohstoffquellen sind begehrt und die Konkurrenz um die Vorkommen wird härter. Dies hat eine weltweite Dynamik in Gang gebracht, die die marinen Rohstofflager ins Blickfeld gerückt hat. Die gestiegene Nachfrage, technische Entwicklungen und höhere Preise machen die Ausbeutung der Meeresschätze lukrativ. Die Ozeane sollen die Versorgungsengpässe beseitigen und neues Wachstum schaffen. Die Ausschließlichen Wirtschaftszonen werden in Parzellen unterteilt und zum Verkauf angeboten. Und tatsächlich, überall werden Lizenzen zur Ausbeutung der natürlichen Ressourcen im Meer erworben, selbst wenn es sich dabei nur um Optionen für mögliche Fördervorhaben in der Zukunft handelt. Es ist ein Wettrennen um die Meeresschätze entbrannt. Blaues Wachstum wird versprochen. Die Problematik der planetaren Grenzen der natürlichen Ressourcen tritt in den Hintergrund.
Neben der Kontrolle der Seegebiete und Schifffahrtsrouten ist dieser Zugriff auf die Meeresressourcen ein zweiter zentraler Aspekt der aktuellen internationalen Meerespolitik. Übergreifend ist es das Verhältnis von Umwelt und Entwicklung, dem in dieser Umbruchphase auf den Ozeanen und Meeren ein besonderes Augenmerk in der Meerespolitik geschenkt werden muss. Bei der Betrachtung der entwicklungspolitischen Dimension der Meerespolitik sticht dies hervor. Die maritimen Strategien, spätestens jedoch die konkreten Programme und ihre Praxis lassen derzeit fürchten, dass nach wie vor ökonomische Interessen auf See dominieren und die Modernisierung der Meeresnutzung zu Lasten der Natur und der Küstengemeinden des globalen Südens durchgesetzt wird.

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